»Hal Busse - Werk und Wirken«
Biografie Hal Busse von Johanna Bendixen und Jana Noritsch
Das Nachlassarchiv von Hal Busse ist ein Privatarchiv, das ihre Tochter Johanna Bendixen in Hamburg initiiert hat und führt. Sie hat in enger Zusammenarbeit mit der Oeuvre- und Sammlungsforscherin Jana Noritsch in den vergangenen fünf Jahren für die Archivierung und beschreibende Katalogisierung der Werke der Künstlerin gesorgt. Ebenso wurden sämtliche Dokumente, Briefe,Tagebücher, Zeitungsartikel etc. inventarisiert. Die nachstehende Biografie ist entstanden. Sie zeigt den aktuellen Forschungsstand und wird hier kontinuierlich aktualisiert [letzte Änderungen: 22.01.2026].
Anlässlich des 100. Geburtstags der Künstlerin im Mai 2026 wird die Biografie mit Werkbesprechungen und Ausstellungsverzeichnis publiziert.
Klassenfoto, etwa 1936 (der von Leni Busse aufgezeichnete Pfeil deutet auf Hannelore Busse); Fotograf unbekannt, Reprofotografie Michael Kottmeier Hamburg, © Hal Busse Archiv Hamburg (Inv-WVZ-HB-J-F-12259)
Gundis von Freier und Hannelore Busse (winkend) auf einem Schlepp-dampfer 1940er; Fotograf unbekannt, Reprofotografie Michael Kottmeier Hamburg, © Hal Busse Archiv Hamburg (Inv-WVZ-HB-J-F-12214)
Paris, die abk-Studierenden Ruth Eitle (damals Brillinger), Mitstudierender, Irmgard Pfisterer (sp. Heubach), Hannelore Busse (und unbekannter Geldsucher), Mai-Juli 1951 (Stipendium); Fotograf unbekannt, Reprofotografie Michael Kottmeier Hamburg, © Hal Busse Archiv Hamburg (Inv-WVZ-HB-J-F-12207)
Heirat Hannelore Busse und Klaus Bendixen am 21.12.1956; Fotograf unbekannt, Reprofotografie Michael Kottmeier Hamburg, © Hal Busse Archiv Hamburg (Inv-WVZ-HB-J-F-12144)
Hal Busse in Hamburg (Säulenvilla) 1960er; Fotograf Klaus Bendixen, Reprofotografie Michael Kottmeier Hamburg, © Hal Busse Archiv Hamburg (Inv-WVZ-HB-J-F-12143)
Kindheit und Jugend bis zum Studium 1926–1946
In den Jahren zwischen Kindheit, Krieg und beginnender Ausbildung formte sich ein Fundament aus Naturbeobachtung, Zeichnung und dem frühen Bewusstsein für Kunstinstitutionen, das den Eintritt ins Studium 1946 vorbereitete.
Hannelore Busse wurde am 15. Mai 1926 in Bad Friedrichshall-Jagstfeld am Neckar geboren. Sie wuchs in der »Wirtschaft zur Schönen Aussicht« auf, mit Blick auf den Fluss. Ihr Vater, der Landschaftsmaler Hermann Fritz Emil Busse, und die Mutter Lina Pauline Busse, geb. Kieser, fördern ihre künstlerischen Neigungen früh. Hannelore Busse besucht die Volksschule in Jagstfeld und später die Oberschule in Bad Wimpfen. Schon in der Kindheit zeigten sich zeichnerische Begabungen, die von den Eltern unterstützt wurden.
Während der 1940er Jahre intensivierte sich die Hinwendung zur Kunst. Mit sechzehn Jahren begleitete sie den Vater zum Plenairmalen. In jenen Jahren entstanden erste Porträtstudien in Öl, Landschaftsaquarelle sowie zahlreiche Bleistift- und Kohleskizzen [Tagebuch 2, Eintrag 20.01.1960]. 1937 reiste sie mit ihren Eltern nach München zur Diffarmierungsschau Entartete Kunst; bereits als Elfjährige erkannte sie die Qualität und Moderne der gezeigten Werke und verstand nicht, warum diese Kunst nicht akzeptiert wurde. Als sie am 13.10.1985 in München die Dix-Ausstellung sah, erklärte sie in einer Notiz, dies sei für sie ein “Epochales Ereignis”, da sie Otto Dix eben bereits 1937 in München gesehen hatte [WVZ-HB-J-DOC-B-E-09657]. Zudem saß sie mit Dix 1961 in Heidelberg in der Jury zur Landeskunstausstellung.
1944 erhielt sie im Musischen Wettbewerb eine Auszeichnung in der Sparte »Zeichnen und Malen«. Der Preis sah die Aufnahme in eine Arbeitsgemeinschaft unter Betreuung von Dozenten der Staatlichen Kunstakademie Stuttgart vor – ein erster institutioneller Kontakt zur akademischen Kunstförderung. Doch ob des Krieges kam es anders: Busse wurde für etwa ein halbes Jahr in den Arbeitseinsatz im Rahmen des Arbeitsdienstes in der Metallwerkstatt Karl Schmidt GmbH Neckarsulm verpflichtet. Von dort sind Grafit-Zeichnungen auf Geschäftspapier vom 27.11.1944 erhalten, und sie betont später, hier zu ersten Auseinandersetzungen mit dem Werkstoff Metall gekommen zu sein [Brief an Dr. Günter Geisseler, 21.09.1974, WVZ-HB-J-DOC-B-E-12048].
Nach Kriegsende war es für die zukünftigen Studierenden der Kunstakademie in Stuttgart verpflichtend, vor Beginn des Unterrichts 199 Stunden Aufräumarbeiten zu leisten. Auch Busse war daran beteiligt [Brief an Geisseler, WVZ-HB-J-DOC-B-E-12050]. In dieser Übergangszeit besuchte sie regelmäßig die Städtische Galerie Stuttgart (heute Kunstmuseum Stuttgart). Besonders die Malerei des deutschen Impressionismus und Spätimpressionismus beeindruckte sie.
Studienzeit 1946 - 1954
Die Studienzeit 1946 bis Sommer 1954 charakterisiert sich als Phase zwischen akademischer Schulung und künstlerischer Selbstbefragung, zwischen frühen Ausstellungsbeteiligungen und internationalen Kontakten, zwischen Werkexperimenten und bereits großen Kunst-am-Bau-Projekten – Jahre, die ihr Fundament legten.
Nach der Wiedereröffnung der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart 1946 gehörte Hal Busse zu den ersten Studentinnen, die im kriegszerstörten Gebäude ihr Studium aufnehmen konnten. Sie studierte Malerei bei Manfred Henninger, Fritz Steisslinger, Rudolf Yelin d. J. und Karl Hils, erhielt Korrekturen bei Willi Baumeister und besuchte Lehrveranstaltungen u. a. bei Walter Wörn (Korrekturen), Prof. Wehlte (Wandmalerei), Prof. Schmitt (Kunstgeschichte), Prof. Wagner (Farbenlehre), Prof. Kurz (Kunstbetrachtung) und Dr. Seckel (Ostasien). Bereits diese Vielfalt zeigt, wie breit sie sich zwischen praktischer und theoretischer Ausbildung bewegte [Studienakte Inv-WVZ-HB-3RD-DOC-08380; Belegbuch Inv-WVZ-HB-J-DOC-09222].
Ihre Lehrer prägten sie auf unterschiedliche Weise. Mit Fritz Steisslinger verband sie eine zunächst konfliktreiche, aber nachhaltige Erfahrung: Nachdem Hal Busse erst einmal der Klasse verwiesen wurde, weil sie »zu selbstbewusst auftrat und nicht zeichnen konnte«, fand sie später durch ihre Arbeit und auch ob gemeinsamer Reisen [Bodensee, württemb. Allgäu] doch Anerkennung und Zugehörigkeit [Inv-WVZ-HB-J-DOC-B-E-12059]. Solche Erfahrungen übten sie im Einstehen für die eigene Position, was später auch in Diskussionen innerhalb der Baumeister-Klasse erneut zum Tragen kam.
Reisen begleiteten von Anfang an ihr Leben: nach Paris, an den Bodensee, in die Ramsau und ins württembergische Allgäu. In diesen Jahren entstanden frühe Landschaftsaquarelle, Porträtstudien und zahlreiche Zeichnungen, die das Naturmotiv als eigenständigen Gegenstand in ihrer Malerei verankerten. 1948 nahm sie an der ersten Nachkriegsausstellung der Künstlergilde Heilbronn teil (23.12.1948–02.01.1949), zugleich arbeitete sie in der Werkstatt von Erich Mönch an Druckgrafiken, Lavierungsaquarellen und Blättern zum Thema Theater. Begegnungen mit HAP Grieshaber (Galerie Herrmann) sowie die ersten Vorlesungen von Max Bense erweiterten ihren Horizont; hier entstand auch die persönliche Nähe zu Klaus Bendixen, die in studentischen Festen und Sonntagskaffees bei Bense und Maria Bauer ihren Ausgang nahm.
Um 1950 gehörte Busse zum Kreis des Heilbronner Kunstvereins, der für die regionale wie überregionale Künstlerschaft eine wichtige Plattform bot. Ihre frühen Beiträge wurden später zusammen mit Namen wie Robert Förch, Hans Schreiner und Anton Stankowski hervorgehoben; auch gehörte sie zur „Unterländer Kunstszene" [125 Jahre Kunstverein Heilbronn, 2004].
Gleichzeitig begann ihr Interesse an großformatigen, architekturgebundenen Arbeiten: 1951 gewann sie den Wettbewerb für ein Sgraffito an der Kreissparkasse Neuenstadt (realisiert, WVZ-HB-J-KAB-11335, verschollen/zerstört) und erhielt für den Entwurf eines Wandbildes am Jugendhaus Stuttgart den zweiten Preis (wohl nicht realisiert).
Ein dreimonatiges Stipendium in Paris 1951 – gemeinsam mit den Studienkolleginnen Ruth Eitle und Irmgard Pfisterer – markierte einen künstlerischen Wendepunkt. In ihren Tagebüchern formulierte sie die Spannung zwischen Fülle und Reduktion: »Die unglaubliche Fülle von Möglichkeiten in der Malerei ist beglückend und beunruhigend« (27.10.1951, TB3, WVZ-HB-J-TB-08821). Unter Anleitung von Fuchs begann sie systematische Strukturübungen und entschied sich für eine farbliche Beschränkung: »Ich nehme mir jetzt zwei reine Farben, und Schwarz und Weiß dazu … Ich will endlich reine Bilder. Alles muss geklärt sein« (3.11.1951, TB3).
Gleichzeitig hielt sie am Gegenstand fest: »Will ich jetzt ungegenständlich oder nicht? Habe ich jetzt den Sprung gemacht? Ich will das Ding, ich mag die Gegenstände. Ungegenständlich male ich jetzt nur, um später bessere Gegenstände zu malen. Ich habe doch meine Obsternte gemalt, nur Schwarz-Weiß, malend entdeckt man. Hoffentlich halte ich es durch.« (8.11.1951, TB3).
Diese Doppelbewegung – Reduktion der Mittel und Beharren auf Gegenständlichkeit – sollte ihre künstlerische Haltung langfristig bestimmen.
Vor Mai 1951 wurden Maler:innen in Heilbronn aufgefordert, den Bau des Neckarkanalbaus künstlerisch einzufangen: Die "Neckar-Kanal-Schleusen-Baustelle Original-Oel-Studie von Hannelore Busse" entstand (WVZ-HB-3RD-10043, WVZ-HB-M-10890 ).
1952 gewann sie den Kunstpreis der Jugend in Stuttgart, verbunden mit einem Stipendium in Paris an der Académie Léger in Paris. Gemeinsam mit Kommilitonen wie Peter Brüning, Klaus Bendixen, Bruno Diemer und Emil Cimiotti besuchte sie Fernand Léger [Inv-WVZ-HB-J-DOC-BE-09229]. Im April 1952 zeigte sie ihre erste Einzelausstellung in Paris (Pariser Zeichnungen, Galerie Maurice Ratton), die von Robert Vrinat in L’actualité artistique internationale besprochen wurde. Unter dem Titel Pariser Impressionen wurde die Schau auch im Jungen Theater Stuttgart präsentiert. Parallel entstanden erste große Kunst-am-Bau-Arbeiten, darunter ein bis heute erhaltenes Sgraffito für die Lehrwerkstatt der Firma Libelle in Waldfischbach (Inv-WVZ-HB-KAB-11723). Zudem gewinnt sie an der Stuttgarter Akademie einen Wettbewerb für ein Wandbild (1. Preis) und kann ein Gemälde an das Kulturamt Stuttgart verkaufen – bestätigt durch Eugen Keuerleber, Leiter des Kulturamts [Inv-WVZ-HB-J-DOC-B-10180]. In der Akademie bearbeitet sie intensiv das Thema der “Obsternte”. Am 14. Juli erlebt sie ein französisches Nationalfest, wozu sie erstmals Menschen als »Körnchen in der Menge des wogenden Festes« beschreibt [Inv-WVZ-HB-J-DOC-N-11795]. Neben Paris bereist sie Italien, u. a. Arezzo [Zeichnungen erhalten s. WVZ-HB-J-P-Z-09587].
Ihre Tagebücher aus dem Jahr 1952 reflektieren das Spannungsfeld zwischen Material, Technik und Inhalt. Über Stoffdruck notierte sie: Textilien müssten sich »der Architektur und ihrer Funktion« unterordnen und dürften nicht wie ein Gemälde wirken – eine klare Abgrenzung von dekorativer Kunst.
Im Juli 1952 schrieb sie nach ihrer Rückkehr aus Paris: »Paris hat mich Sehen gelehrt, das Sehen von Wundern. Ich sehe sie jetzt auch hier im Dorf … Pflanzen von einem Formenreichtum wie ich ihn zum ersten Mal beobachte« (TB3).
1953 erweiterte sie ihr Netzwerk durch erneute Aufenthalte in Paris und Reisen nach Südfrankreich, Elba und Genua. Zeichnungen wie Paris Luxembourg 53 (WVZ-HB-J-P-Z-09516) belegen die intensive Auseinandersetzung mit städtischen Motiven und der Natur, während Aquarelle von Elba oder der Provence Landschaft und Reiseerfahrung festhalten. Im selben Jahr präsentierte sie ihre Arbeiten im Amerika-Haus Heilbronn (Pariser Impressionen, 13.–25.04.1953) und war bei der Ausstellung Nachwuchs der Gruppe S.W. in Stuttgart (Galerie Kunsthöfle, Bad Cannstatt) vertreten. Bedeutende Beteiligungen an überregionalen Schauen (Bildende Hände, Kunsthalle Baden-Baden; Junge Deutsche Maler, Museum Schloss Morsbroich, Leverkusen) bestätigten ihre Verankerung in der zeitgenössischen Kunstszene.
Sie realisiert einen Wandfries aus farbigen Holzplatten an der Berufs- und Meisterschule Bad Cannstatt (verschollen/zerstört).
Gleichzeitig verzeichnet sie weitere Wettbewerbs- und Ankaufserfolge: Die Technische Hochschule Stuttgart erwirbt das Wandbild Badende; mit der Komposition Obsternte gewinnt sie den Kunstpreis der Jugend (Baden-Württemberg) und erreicht beim Wettbewerb für das Treppenhaus der Akademie Stuttgart einen Ankauf. Die Mensa des Max-Kade-Hauses erhält eine Fassung der Obsternte.
Im Sommer nahm sie mit Max Bense, Elisabeth Walther und einer Studentengruppe an einer Studienreise in die Provence teil (16.–29.08.1953) und traf Jean Giono.
1954–1956
Mit dem Sommer 1954 endete Hal Busses Studienzeit in Stuttgart: Am 30. Juni wurde sie exmatrikuliert, am 15. Juli erfolgte der offizielle Abschluss. Ihre letzte Station war die Atelierwohnung im neu errichteten GEDOK-Haus Stuttgart (Hölderlinstraße 17), wo sie als eine der ersten Künstlerinnen einzog. Das Haus war von der Architektin Grit Bauer-Revellio entworfen worden, und Busse blieb bis 1961 regelmäßig dort. Rückblickend erklärte sie: »Bei Manfred Henninger blieb ich bis zum Ende des Studiums – von ihm ermutigt, war ich Gast bei Willi Baumeister, der meine Ausbildung ergänzt hat, was das Geschehen auf der Fläche betraf« [Inv-WVZ-HB-J-DOC-N-11982]. Neben der Hölderlinstraße taucht auch eine Anschrift in der Parlerstraße 80 auf – ein Hinweis auf ein breites studentisches Netzwerk, das bis in die Korrespondenz von Kulturminister Donndorf und Peter Brüning reichte.
1954 suchte Busse in Berlin den Kontakt zu Karl Hofer, in der Hoffnung, dort noch ein Jahr studieren zu können. Hofer nahm zwar keine Schüler mehr auf, ermutigte sie jedoch eindringlich, »die Existenz als freischaffende Malerin zu wagen« – eine Begegnung, die sie nie vergaß [Inv-WVZ-HB-J-DOC-B-E-10189].
In demselben Jahr intensivierte sich ihre internationale Vernetzung. Mehrere Reisen führten sie nach Frankreich und Italien, darunter vier Aufenthalte in Paris sowie eine Station in Genua (Erinnerung an Genua, Zeichnung WVZ-HB-J-P-Z-08635). In einer Postkarte an Elisabeth Walther schrieb sie: »Ich träume von einem Atelier in Paris. Meine Augen haben Hunger« – neben der Notiz zeichnete sie eine Frau und eine Leiter, die nur nach unten führte: eine poetische Bildidee, die das „Ganz-oben-Sein“ visualisiert [Elisabeth-Walther-Archiv im ZKM, Postkarte o.D., vor dem 15.10.1954; Heilbronn-Stempel]. Im Herbst absolvierte sie ein Stipendium an der Académie André Lhote, da Fernand Léger, dessen Schule sie eigentlich besuchen wollte, bereits in Amerika war. Parallel beginnt die enge Auseinandersetzung mit dem Literaten Francis Ponge: ihre Illustrationen zu Texten von Francis Ponge, Das Vergnügen mit der Tür und Rom-Genua, erscheinen 1955 in Augenblick. Im Umfeld Max Bense verbindet sie Bild- mit Sprachreflexion.
Im August 1954 zeigte sie Arbeiten in Heilbronn, wo das Hochbauamt ein Bild für die Eingangshalle der Gewerbeschule ankaufte [WVZ-HB-J-DOC-10155]. Es folgten Beteiligungen am Kunstpreis der Jugend (Sarotti-Halle Stuttgart), an der Ausstellung Deutscher Künstlerbund in Frankfurt sowie an Gruppenausstellungen in den USA – u. a. in der Charles Allis Library und in der Labauet Gallery in Milwaukee. Vom 9.–21. November präsentierte sie ihre zweite Pariser Ausstellung in der Galerie Roméo et Juliette, wo sie Zeichnungen verkaufen konnte [WVZ-HB-J-DOC-B-E-10184].
Auch im Bereich Kunst am Bau war 1954 ein Schlüsseljahr. Neben der Fassade des GEDOK-Hauses gestaltete Busse ein Sgraffito an der Lenauschule Stuttgart. Bedeutend hinsichtlich ihrer Fähigkeit zur großformatigen, architekturgebundenen Bildsprache ist auch das heute noch erhaltene monumentale Wandbild für die Heilbronner Gewerbeschule: eine »straffe, in großen Flächen und Linien gehaltene Darstellung des Heilbronner Hafens bei Kilometer 112 des Neckarkanals«.
1955 konnte Hal Busse gemeinsam mit Klaus Bendixen eine ganze Fabriketage in der Rosenstraße, Stuttgart mieten – ein 245 m² großes Atelier, das beiden bis 1961 Arbeitsraum bot. Dort entstanden die sogenannten Streifenbilder, die aus der Weiterentwicklung der Themen Obsternte und Badende hervorgingen. Im Tagebuch reflektierte sie später: »Was bei der Obsternte das Farberlebnis war, wurde bei den Badenden der Wunsch nach äußerster Reinheit und Strahlkraft der Farben. Fahnentuchartige Farbflächen, von Strichgefügen überzogen, entstanden. Farbe als physikalische Kraft soll den Beschauer ungetrübt anspringen« [TB2, 1959–65, WVZ-HB-J-TB-07720].
Ihre Reisen führten sie 1955 mit Max Bense und Elisabeth Walther nach Florenz, Arezzo, Rom und Portoferraio/Elba, dokumentiert in Fotografien. Auch Venedig stand auf dem Programm. In Paris ergriff sie die Initiative, den Bildhauer Alberto Giacometti im Atelier aufzusuchen – ein Besuch, an den sich Heinz Spielmann später lebhaft erinnerte (“Aus der Nähe - Mein Leben mit Künstlern” 2014).
Zugleich entstanden neue Kunst-am-Bau-Werke, darunter ein Sgraffito an der Waldschule Jagstfeld (bis heute erhalten).
Nicht immer ist Künstlersein ein selbstverständliches Geschäft: Für die Schule Amorbacher Feld in Neckarsulm plante sie ein weiteres Wandbild, das nach längeren Verhandlungen jedoch nicht ausgeführt wurde. Und auch Verluste sind schlechterdings hinzunehmen: Ein großformatiges Bild mit Badenden, 1955 per Luftfracht in die USA geschickt, gilt bis heute als verschollen – Hal Busse suchte es noch Jahrzehnte lang und bezeichnete es dabei als ihr »Schwimmerbild (Blaue Badende)« [WVZ-HB-3RD-03175; Brief an Eva Zippel, 14.12.1996].
Im September nimmt sie am Wettbewerb Junge Künstler Baden-Württemberg (Kunsthalle Baden-Baden) teil. Auch wird sie zum »Jagstfelder Kreis« gezählt, einer losen Gruppe von Künstler:innen und Kunstinteressierten, die ihr Vater 1955 initierte. (Zu den Pleinairs kamen u.a. Hermine Fischer-Meissner, Robert Förch, Emil Hafenmeister, Romanus Korsitzky, Friedrich Knödler, Hans Schreiner, s. Heilbronn Stadtarchiv ZS-10052.)
Am 21.12.1956 heiratete Hannelore Busse Klaus Bendixen. Beide beschließen, dass sich Hannelore Bendixen-Busse als Künstlerin weiterhin Busse nennt, ab 1957 dann signiert sie Werke nur noch mit Hal Busse. Dieser Künstlername wurzelt im Kosenamen Haloli, wie sie von ihren Eltern seit der Kindheit genannt wurde.
Gleichzeitig erreichte ihre Arbeit eine neue Sichtbarkeit: Für die Universität Gießen entwarf sie 1956 eine Reliefmontage aus farbigen Holzfurnieren, die 1957 als Supraporta in der Aula ausgeführt wurde (seit 2006 verschollen). Für die Germanistische Fakultät der Universität Münster entstand ein monumentales »Grünes Bild« (2 × 3 m, Acryl auf Holz, Wellpappentechnik), das Jahrzehnte später restauriert und wieder im Vom-Stein-Haus aufgestellt wurde.
Ihre Teilnahme an Ausstellungen war umfassend: Maler und Bildhauer Stuttgart (Kunstgebäude am Schlossplatz), 6. Jahresschau des Deutschen Künstlerbundes (Düsseldorf) und Deutsche Kunstpreisträger (Kunsthalle Recklinghausen). Zudem wurde sie 1956 Preisträgerin des ars viva-Preises des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft.
Die Resonanz auf ihr Werk war bemerkenswert. Der Maler W. Rosenbusch erkannte in einem Figurenbild (Badende) »eine Vollendung am Anfang« – frei von Einflüssen wie Schlemmer oder Baumeister, eigenständig und von einer klaren Schönheit [WVZ-HB-J-DOC-B-12067].
Ende des Jahres 1956 trug ihr Werk Badende 7 das Etikett der Internationalen Künstlergruppe Roter Reiter.
Auch in den USA interessierte man sich erneut für ihre Arbeiten: Lee Nordness, Direktor des little studio ltd. in New York, schrieb ihr im August 1956, beeindruckt von ihren Badenden, die er in Offenbach gesehen hatte. Er schlug Ausstellungen in den Vereinigten Staaten vor [WVZ-DOC-12094].
1957–1960
Die Jahre 1957 bis 1960 verdeutlichen Hal Busses Grundlagenforschung, Experimente – und Kontinuitäten – wie sichtbar sie mit ihrer Werkentwicklung in die Diskurse um neue Kunst in Westdeutschland eintritt.
Im großen Atelier in der Stuttgarter Rosenstraße entstehen 1957 erste Nagelbilder, bemalte Holz-Reliefs und Objekte – vom Stufenrelief o.T. mit geometrisch angeordneten, farbigen Quadraten, das weiße Flächenrelief o.T., das zur Eröffnungsausstellung »Gewachsene und geschaffene Formen« im Haus Behr gezeigt wurde (Flyer »20 Jahre Galerie Behr«, Anton Stankowski Stiftung), das Relief 20, 1957, bis zur Stabplastik (Privatbesitz D) und zu Struktur (1957). Busse bezeichnete diese Werkphase als »Grundlagenforschung zum Thema Farbe im Raum« (WVZ-HB-J-W-11405). Fotografien von Anton Stankowski dokumentieren die Werke. In der Gegenüberstellung mit früheren Arbeiten (Badende, Verkehrsbilder) zeigt sich ihr neues Selbstverständnis: organische Rundungen werden in Vierecke übersetzt, Hell-Dunkel-Werte in Höhen und Tiefen, Farbe »springt« in den Raum oder türmt sich flächig (WVZ-HB-W-11400). Parallel wird in der Aula der Universität Gießen die farbige Holzmontage (Supraporta) installiert.
Im Frühjahr ist Hal Busse in Paris präsent (29.4.–12.5.1957, Katalog WVZ-HB-J-DOC-K-06798), außerdem in Lyon (»Peintres Allemands contemporains«). Von Lee Nordness, the little studio ltd. New York, erhält sie am 26.2.1957 einen Kommissionsvertrag (WVZ-DOC-12095). Im September besucht sie Venedig; die Mondrian-Retrospektive in der Peggy Guggenheim Collection wird für sie wegweisend und inspiriert die weiteren Relief- und Nagelarbeiten. Im Tagebuch notiert sie am 15.4.1957, »alle Motive führen zum Wald oder Wachstum« (TB1, S. 56). Im Juni entsteht das Künstlerbuch Frisch gewaschene Farben (WVZ-HB-KB-08622). Die Leinwandarbeit Besonntes Rot muss Ende 1957/Anfang 1958 entstanden sein; im Februar 1958 wird es im Museum Ulm gezeigt (Katalog »Hal Busse, Emil Cimiotti, Klaus Bendixen, Herbert W. Kapitzki, Fritz Seitz«, Museum Ulm 1958, WVZ-HB-DOC-K-03340).
1958
Vom 14. bis 29. April 1958 zeigt Hal Busse eine Einzelausstellung in der Karlsruher Galerie Gallwitz. In seiner Kritik beschreibt Klaus Jürgen-Fischer den »Aufbau der Bildeinheit« als zunehmend rhythmisch statt statisch und konstatiert in den Zeichnungen eine »gänzliche Auflösung der Körperform«. Die Farbe gerate in einen »bedenklichen Lyrismus«. Insgesamt verorte er Busses aktuelle Werke in einer »Zone Null«, in der viele junge Maler puristisch einen neuen Anfang suchten. Trotz des kritischen Tons entnehmen wir, dass Busse bereits (14 Tage) vor der offiziellen Gründung von ZERO in der Gruppe resp. künstlerischen Strömung identifiziert wurde – ein Beleg für ihre Unmittelbarkeit [Inv-WVZ-HB-J-Doc-A-06842]. Am 24.4.1958 gehört sie zu den Ausstellenden bei der 7. Abendausstellung von ZERO “Das rote Bild” in Düsseldorf (Otto Piene, Einladung vom 28.3.1958, WVZ-HB-J-DOC-B-02488). Gezeigt werden von ihr das erste Nagelrelief gelb–blau–rot (1957/58, im ZERO-Katalog abgebildet), das Nagelrelief rot (1957/58, Besitz Kunstmuseum Stuttgart) und die Malerei Besonntes Rot (1957/58, Hal Busse Archiv). Vom 23. Mai–20. Juni zeigt die Galerie Behr in Stuttgart die Einzelausstellung Hal Busse – Bilder und Montagen, mit einer Einführung und dem Katalogtext von Dr. Berthold Hackelsberger. Und die Biennale 57 Jeune Peinture – Jeune Sculpture führt ihre Arbeit ins Musée de la Province de Québec in Montreal/Kanada (13. November–14. Dezember), die Schau, welche zuvor im Musée des Arts décoratifs, Paris (1957) gezeigt wurde.
In der Kapelle von Besseringen arbeitet Hal Busse mit Emil Cimiotti und Atila Biró an einer Bronzeplastik (Christus-Abnahme, Einsegnung Feb. 1959, WVZ-HB-J-DOC-09547). In Stuttgart entstehen Strukturbilder wie Bild 58, gelb (Inv.-WVZ-HB-3RD-04891) und weitere Nagelreliefs, etwa das Nagelrelief weiß (1958, ausgestellt 1959 in Wiesbaden, WVZ-HB-J-DOC-B-E-07977). Bedeutende Reliefs dieser Jahre sind das Flächenrelief weiß-blau-gelb (1958, Besitz Daimler-Stiftung) und experimentelle Farbwürfel (um 1958/59, Museum Folkwang Essen). Parallel entstehen Lithografien in der Werkstatt von Wilhelm Fischer (Stuttgart). Reisen führen nach Venedig (Mai, Juni) und Genua (Oktober, mit Klaus Bendixen, WVZ-HB-J-KB-08852).
Auch 1959 verbindet die Künstlerin Werkproduktion, Ausstellungen und Privates. Im Herbst kommt die erste Tochter, Katarina, in Stuttgart zur Welt. Der Vater Hermann Busse beginnt in Heilbronn mit dem Bau des Hauses in der August-Lämmle-Straße (Fertigstellung 1961). Busse ist in einer Vielzahl von Ausstellungen in Europa vertreten: Stringenz – Neue Deutsche Tendenzen (Mailand), Première Biennale de Paris (Okt. 1959, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris), Sommerausstellung des Künstlerbundes Heilbronn (23.8.), Maler sehen Stuttgart (Sparkasse Stuttgart, 5.–20.9.), 5. Landeskunstausstellung Baden-Württemberg (Schloss Hohentübingen, 10.7.–23.8.), 9. Ausstellung Deutscher Künstlerbund (Wiesbaden, 5.6.–5.7.), Junger Westen (Kunsthalle Recklinghausen, 19.9.–25.10.), Gruppe 53 (Kunsthalle Düsseldorf). Parallel realisiert sie im Hafenverwaltungsgebäude Stuttgart ein großformatiges Wandbild (Dinova-/Kaimsche Mineralfarbe, heute noch erhalten). Entwürfe für ein Wandrelief in der Stuttgarter Sportschule (»Badende«, WVZ-HB-3RD-08675/76) bleiben unrealisiert. Im Atelier entstehen Rupfenbilder wie o. T. (Öl auf Rupfen und Holz mit Spiegelfolie und Nägeln, heute Kunstpalast Düsseldorf), experimentelle Farbwürfel und Entwürfe zu Kugeln im Raum. Im Mai hält sie sich erneut in Paris auf (Zeichnung »Tuilerien«, 8.5.1959, WVZ-HB-Z-09585). Anfang Juni besucht sie mit Gundis von Freier Yves Klein in Paris – ein Schlüsselerlebnis. Im Brief an ihre Schwiegermutter beschreibt sie Kleins Arbeiten als von »Gelassenheit und Sauberkeit« geprägt (WVZ-HB-J-DOC-B-E-06088). Im Tagebuch notiert sie: »Meditative Ruhe in einem weißen Raum … die blauen, stark blauen Schwämme … Einklang von Arbeit mit Daseinsfreude, Körper, Oberfläche, Sinnlichkeit« (TB2, 1959–65, WVZ-HB-J-TB-07720).
Klaus Bendixen wird 1960 als Villa-Massimo-Stipendiat 1961 ausgewählt (WVZ-HB-J-DOC-B-EX-11933) – eine Auszeichnung, die kurz danach zu seinem Ruf an die Hochschule der Künste Hamburg führen wird. [Publizierte Angaben zu einer evtl. Bewerbung seitens Hal Busses um ein Villa-Massimo-Stipendium, die Annahme oder eine Ablehnung (Rücktritt ihrerseits), konnten Recherchen im Bundesarchiv bislang nicht bestätigen.]
Hal Busse etabliert weiter den Bereich Kunst am Bau: Am Gymnasium Rotweg in Stuttgart-Zuffenhausen entsteht zwischen 1960 und 1962 eine umfassende Schulhofgestaltung mit Pausenarchitektur (Sitz- und Liegemauern) sowie ein Fassaden-Sgraffito (Architekt Sommer, Hochbauamt Stuttgart). Ausstellungstätigkeit: Teilnahme an ars viva Würzburg ’60 (Arena, Mischtechnik, 130 × 180 cm, 1958/60), am Deutschen Kunstpreis der Jugend (Kunsthalle Mannheim) und am Deutschen Künstlerbund (Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, 6.8.–2.10.; 10. DKB-Ausstellung München).
Noch vor dem Umzug nach Hamburg entwickelt sie das Rot flimmernde Raumobjekt (Modell für Lichtspiel in einem Rundbau) (1960, Inv.-WVZ-HB-3RD-11437, heute Städtische Museen Heilbronn).
1961–1967
Mit dem Umzug nach Hamburg im Jahr 1961 (Säulenvilla: Elbchaussee 186) beginnt für Hal Busse und ihre junge Familie eine neue Etappe. Sie setzt zunächst ihre Strukturbilder fort (erstes Werk in Hamburg: eine goldene Struktur von 1961, WVZ-HB-J-DOC-N-11684). Sie ist in zahlreichen Gruppenausstellungen präsent – von 30 junge Deutsche in Leverkusen über die Wanderschau schwarz-weiß 61 (Kestner-Gesellschaft, Hannover) bis zur Großen Kunstausstellung im Haus der Kunst München, der Sommerausstellung des Heilbronner Künstlerbundes im Kunstverein Heilbronn (Harmonie) und der Ausstellung Deutscher Künstlerbund in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. Die Einzelausstellung in der Kleinen Galerie Schwenningen zeigte monochrome Rote Bilder, wie der Ausstellungstitel lautete, und Lithografien zum Thema Masse Mensch. Sie nahm zudem teil an Geste, Raum, Struktur in der deutschen Malerei im Römer in Frankfurt am Main und gehört zur Neuen Württembergischen Gruppe, die zuerst im Württembergischen Kunstverein Stuttgart ausstellt. Die Teilnahme an der 7. Landeskunstausstellung des Heidelberger Kunstvereins im Gartensaal des Kurpfälzischen Museums, 09.09.–15.10.1961, hat eine Besonderheit: Hal Busse ist als einzige Frau Mitglied der Jury neben Otto Dix, Max Ackermann, Wilhelm Schnarrenberger, Hans Fähnle, Fritz Ruoff, Manfred Henninger und Willibald Kramm [Inv-WVZ-HB-DOC-A-03322]. Auch eine weitere Kunst-am-Bau-Arbeit entsteht: die Glasmontage für das Schwimmbad Stuttgart-Ostheim (zerstört).
1962 entstehen eine Reihe von Gemälden wie das Triptychon „Gruß an den Süden“, o.T. (Arena 01) und "Rote Sonne (mit seitlichen Feldern)" [Städtische Museen Heilbronn seit 2006] ebenso Elbe-Zeichnungen und Lithografien (“Annäherung”). Darüber hinaus finden die Holzreliefs eine Weiterentwicklung wie das o.T. (Holzrelief (mit orangefarbenen Stiften)), 1962. Noch bis zum Tag der Entbindung ihrer zweiten Tochter, Johanna, im Mai 1962 zeichnet Hal Busse an der Elbe.
Ihr Weggang hält die Gründungsmitglieder der Neuen Württembergischen Gruppe nicht davon ab, sie dabei haben zu wollen: Günter Wirth beschreibt diese Künstlergeneration als »ohne Ideologien«, getragen von einem starken Möglichkeitssinn und der Freiheit des individuellen Ausdrucks.
Hal Busse stellt also mit der Neuen Württembergischen Gruppe im Württembergischen Kunstverein Stuttgart aus, nimmt an der 8. Landeskunstausstellung des Künstlerbundes Baden-Württemberg in der Kunsthalle Baden-Baden sowie an der Berliner Schau 30 junge Deutsche im Haus am Wannsee.
1963 erhält sie eine Einladung zur Berliner ZERO-Ausstellung in der Galerie Diogenes, notiert später allerdings rückblickend: »Nach dieser Ausstellung habe ich meine Arbeit im Alleingang weitergetan«, womit sie Bezug auf die Nagelarbeiten von Günther Uecker nahm (WVZ-HB-J-DOC-B-10605). Weitere Ausstellungsbeteiligungen sind: absolute Farbe, avantgarde 63 im Städtischen Museum Trier, an der Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes im Württembergischen Kunstverein Stuttgart sowie an der Wanderschau ars viva ’63 in Braunschweig und Leverkusen teil.
Hal Busse erhält das Angebot einer leitenden Position an der Werkkunstschule Krefeld (12.8.1963). In Paris (Sept.–Okt. 1963) vertieft sie ihre Kontakte, zugleich dokumentiert ein Briefentwurf den Verkauf von Werken.
1964 reist Busse mit der Familie nach St. Ulrich, Schiermonnikoog – und sie besucht die documenta 3 in Kassel. Ihr Urteil: »Geiger und Uecker nehmen mir die Arbeit ab – so bin ich vom Objektiven befreit und kann selbstständig werden« (WVZ-HB-Doc-09408); anzunehmenderweise schwingt hier Wehmut mit, da sie wohl selbst hier ausstellen hätte sollen [Beleg?]; auch hat sie mit Nägeln bis auf eine Ausnahme in den Achtzigern dann nicht mehr gearbeitet.
Tagebuchaufzeichnungen formulieren vehement ihre Absage an die Trennung von »abstrakt« und »gegenständlich«: »[Gesprächs-] Partner können mir nur solche werden, für die diese verkehrte Betrachtungs- und Unterscheidungsposition überwunden ist.«
In Heilbronn entsteht ein farbiges Holzrelief (Spielwände) für die Lindenparkschule. Ausstellungsbeteiligungen bringen ihr Werk mit dem Deutschen Künstlerbund nach Berlin und mit der Sommerausstellung des Heilbronner Künstlerbundes wieder in die Heimat (Kunstverein Heilbronn/Harmonie).
Darüber hinaus gelingt ihr die Balance zwischen Familie, Alltag und Kunst: »In diesem Jahr habe ich nicht über meine Kräfte gelebt … Ein guter Sommer, ein schöner Sommer« (TB4, S. 43).
1965 markieren zwei Einzelausstellungen – Hal Busse – Bilder und Zeichnungen (über 70 Werke) im Kunstverein Heilbronn und im Alten Theater Ravensburg – einen Höhepunkt. Hierbei wird das Thema »Menschen in der Gruppe« hervorgehoben, das sich von den frühen Pariser Zeichnungen über die Obsternte bis zu den Badebildern und Elbe-Zeichnungen zieht.
Im Atelier entstehen neue Werkgruppen zum Kinderschwimmen im Bismarckbad (Altona), ihre minimalistisch-abstrakten Elbezeichnungen und Lithografien, gedruckt in der Hamburger Königsstraße (z. B. WVZ-HB-J-D-06485) sowie die sogenannten Silbergrundbilder (mit Silberfolie). Vor allem wechselt sie jedoch noch einmal das Material und die Form ihrer Objekte: verschiedene Versionen von Alleen (Wandelbare Türme) mit Metallfiguren entwickelt sie aus Aluminium und Plexiglas.
Das Keramik-Relief im Speisesaal des Rheumakrankenhaus Bad Wildbad wird fertiggestellt (heute leider nicht mehr erhalten). Den Projektbeschreibungen für den Ausstellungsteil "Kunst im Raum der Architektur" liegen Hal Busses Überlegungen zu “Kugeln, Halbkugeln, Farbreflexe” (Notizen TB4, S. 58), bedeutende Zeichnungen zu Kreisen (S. 63 ) und “Würfel für die Kästchen” (S. 68-70) zugrunde.
In diesem Jahr vertieft sich zudem die Verbindung zu Nathalie Sarraute, die sie in Hamburg trifft: »Jemand, der durch Machtlosigkeit siegt … Sie beneidet die Maler um die Tatsache, dass Farbe nicht etwas bedeuten muss, wie Worte es immer tun« (TB4, S. 65–66). Im gleichen Sommer trifft Busse in Hamburg Almir Mavignier wieder.
1966 folgen Lithografien zu Theater, Elbe und der Familie, das großformatige Gemälde Kindergeburtstag und Strand (Städtische Museen Heilbronn) – sowie die Teilnahme an der Großen Kunstausstellung im Haus der Kunst, München. Der Sommer führt die Familie nach Sperlonga, im Herbst bezieht Busse ein neues Atelier in Hamburg. Dass Max Bense nun regelmäßig an der Hochschule in Hamburg lehrt, bringt sie wieder in einen engeren Kontakt mit ihm und dessen intellektuellem Umfeld.
1967 ist Hal Busse direkt im Januar in Paris und bewirbt sich dann um ein Stipendium dort. Ihr Wunsch erfüllt sich: Entsprechend der Zusage empfiehlt ihr Elisabeth Walther-Bense in einem Brief vom 5. Dezember 1967, Sarraute und Monika Julien in Paris zu kontaktieren, Babysitter in der Cité des Artes zu finden und kündigt einen eigenen Besuch an.
In diesem Jahr entstehen zudem neue Objekte der Reihe Alleen (Wandelbare Türme), darunter ein Exemplar, das heute in der Daimler Collection bewahrt wird.
1968–1979
Hal Busses politische Bilder und ihr Übergang von der flächigen Struktur zur plastischen Ordnung – eine Phase, in der sie serielle Systeme in den Raum überführt, das Verhältnis von Bewegung und Gleichgewicht untersucht und in Werken wie der Hommage à Constantin Brancusi die Beziehung zwischen Form, Körper und Wahrnehmung zu einem zentralen Thema ihres Schaffens macht.
Im ersten Halbjahr 1968 fertigt Hal Busse in der Pariser Druckwerkstatt Desjaubert etwa 100 Antikriegs-Lithografien, bspw. Erinnerung an Käthe Kollwitz Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden, Die Helden sind müde, Paris 68 Mai Juni und Zieht die Uniformen aus. Sie erlebt während ihres Paris-Stipendiums die Proteste im Mai ‘68 hautnah. Ihre Arbeiten werden dann in der „Ausstellung der Stipendiaten“ der Cité Internationale des arts in Paris gezeigt. Zurück zu Hause verbringt sie den Sommer an der Ostsee, wo eine umfangreiche Reihe an Gouachen und Kreidezeichnungen zur Schleimündung entsteht. In Hamburg dann kommt es zur weiteren Arbeit innerhalb Busses Antikriegsbilder: Die großformatige, stark symbolische Komposition "Soldat" entsteht, zentral steht eine Figur in Gasmaskenanzug und mit Gewehr, dessen Körper von farbigen Streifen überzogen ist. Ein großes rotes Kreuz überlagert den Militär als Zeichen der Verneinung. Der rosa Hintergrund ist von Nationalflaggen flankiert, oben rechts erscheint eine Friedenstaube mit Regenbogen, die fast wie ein fallender Engel wirkt. Die Malerei verbindet popartige Farbflächen mit einem klaren Antikriegssignal – einer Absage an militärische Macht und nationale Symbolik. Die ursprüngliche Fassung zeigt die Flagge der Sowjetunion (Hammer, Sichel, Stern auf Rot), während oben links in der heutigen Version die russische Nationalflagge zu sehen ist (eine horizontale Trikolore in Weiß, Blau und Rot). Demnach scheint Hal Busse die Malerei nach 1993 aktualisiert zu haben, was ihr realpolitisches Interesse auch in ihren Werken beweist. Zum Jahreswechsel 1968/69 druckt Hal Busse Lithografien zu den Sujets Paar und Strand.
1969 Hal Busse beteiligt sich Hal Busse an der Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes in Hannover. Im Sommer reist sie mit den Kindern wieder nach Paris – im eigenen Campingbus. Außerdem entwickelt sie das Würfel-Kugel-Objekt (Alleen) – ein hochformatiges Holzobjekt aus lackierten Quadern und Kugeln. Der Kontakt zur Galerie Behr in Stuttgart bleibt aktiv; bis 1969 ist dort Druckgrafik kommissioniert – und Ende der Siebziger wird Hal Busse erneut in der Ausstellung zum zwanzigsten Jubiläum der Galerie präsentiert. Sie versucht in Hamburg, Kunst-am-Bau-Projekte realisieren zu können: Vermutlich ebenfalls 1969 entsteht eine Materialstudie für den Wettbewerb Schiffbauschule Hamburg – Eingang.
In theoretisch-reflexiven Notizen zu einer Siebdruckserie unter dem Titel Farbe in der Stadt untersucht sie das Verhältnis von Farbe, Quantität und Raum noch einmal systematischer als in den Fünfzigerjahren: Rasterstrukturen und Farbfelder werden hier zu Modellen für visuelle Ordnung und städtische Wahrnehmung. Solche Konzeptionen zur „Farbe im Raum“ und für architektonische Farbgestaltungen kann sie 1970 im Rahmen des Kunst-am-Bau-Projekts Spielplastik auf dem Schulhof Hamburg Bergedorf-West umsetzen. Diese plastische Gestaltung bezeugt ihre anhaltende Auseinandersetzung mit Raum, Bewegung und Partizipation: Das interaktive Spielobjekt aus farbigen, rot kontrastierten Kugeln in zwei Größen (Ø 40 cm und 20 cm), deren drehbare Lagerung komplex konstruiert ist, ermöglicht Kindern durch Bewegung, Farbmischung und optische Phänomene ästhetisch-sinnliche wie pädagogische Erfahrungen.
Parallel entstehen zahlreiche Serigrafien zum Thema Badende sowie neue Plexiglas-Objekte, darunter das o. T. (Wandelbare Türme) aus Aluminium und Plexiglas.
Auch sind immer wieder politische Fragen Bildgegenstand: In Lithografien wie Scheißspiel formuliert sie eine deutliche Antikriegshaltung, in der Kritik an Machtstrukturen und Gleichgültigkeit gegenüber Gewalt sichtbar wird.
Gleichzeitig beginnt eine neue, zentrale Werkphase: die intensive Auseinandersetzung mit Constantin Brancusi und mit der Darstellung des Paares. Diese Beschäftigung findet ihren Ausdruck in der vierteiligen Werkreihe Hommage à Constantin Brancusi (ca. 1970–1979). Die Gemälde entfalten ein Nachdenken über das Paar als elementare Beziehungseinheit – nicht erzählerisch, sondern als plastischer, fast skulpturaler Bildkörper. Das Gemälde Hommage à Brancusi / Fleur de la Joie, 1970, zeigt zwei stehende, sich zärtlich umarmende Figuren, deren Körper in warmen, korrespondierenden Farbtönen – Orange, Rosa, Violett – ineinander übergehen. Der Hintergrund aus konzentrischen, wellenförmigen Linien verstärkt die körperliche Nähe und rhythmische Einheit. Verso verrät ein Aufkleber, dass es 1971 in der 19. Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes in Stuttgart gezeigt wurde. Das Werk Hippies (um 1970) verwebt die Paar- und die Antikriegs-Thematik: Zwei frontal stehende Figuren mit flaggenartig kolorierten Bahnen sind ein Sinnbild für kulturelle Vielfalt und Gleichwertigkeit. Beide Gemälde stehen exemplarisch für Busses Suche nach einem „wiederholbaren Maß“ in der Darstellung menschlicher Beziehungen – einer Balance zwischen Individualität und universeller Form, zwischen Frau und Mann.
Auch nimmt Busse 1970 an der Ausstellung edition camu 2 im Schellenkönig 56 in Stuttgart teil.
1971 beteiligt sie sich also an der 19. Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes in Stuttgart, hat die Einzelausstellung Hal Busse – Zeichnung und Druckgrafik im Kunsthaus Hamburg, Glasgang, – und eine weitere Soloschau in der Stadtbücherei Heilbronn. Im Oktober hält sie sich erneut in Paris auf.
In Hamburg richtet Busse eine eigene Lithopresse ein, die sie sich mit anderen Künstlern gerne teilt wie Klaus Waschk und sie auch Ruth Eitle anbietet.
1972 unternimmt Hal Busse eine Reise nach Ägypten – mit dem Nildampfer Triton –, die zu einem stattlichen Buch voller Zeichnungen führen wird (Edition Augentrost Hamburg). Im September hält sie sich am Lido von Venedig auf und Anfang Oktober besucht Busse die documenta 5 in Kassel. Die Stadt Heilbronn kauft ihre Malerei "Das grüne Paar" (1953/54) an. In demselben Jahr entsteht das Gemälde Ein Glas Wasser, welches 1973 in der Ausstellung Prisma – 21. Mitgliederausstellung des Deutschen Künstlerbundes in der Akademie der Künste Berlin gezeigt wird und 1991 dann an die Städtischen Museen Heilbronn geht (Aktion Heilbrunnen). Der Titel und das Motiv leiten eine neue Werkreihe ein, die einfache Alltagsobjekte – Ein Glas Wasser, Ein Glas Wein (Rotwein) (1974) und Ein Glas Milch – als konzentrierte Wahrnehmungsstudien behandelt; eine Art leises Sinnbild für das Verhältnis von Maß, Transparenz, Gleichwertigkeit und Stofflichkeit bedeutet.
Im Frühjahr 1973 zeigt sie im Haus der Deutschen Industrie in Köln die Ausstellung Bilder von Hannelore Busse-Bendixen, womit ihre Werke außerhalb klassischer Kunsträume präsentiert werden, genauer im Kontext zeitgenössischer Unternehmenssammlungen (Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. Köln). Von Mai bis Juni nimmt sie an der Ausstellung Objekte im Kunsthaus – Kunsthaus als Objekt im Kunsthaus Hamburg teil. Parallel zeigt das Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart die Einzelausstellung Hal Busse – Nilreise (EA), mit Zeichnungen, die während ihrer Ägyptenreise entstanden sind. Ebenfalls 1973 beteiligt sie sich an der 21. Mitgliederausstellung des Deutschen Künstlerbundes (Prisma, Akademie der Künste Berlin). Im August reist Busse nach Maasholm, wo sie Skizzen zu Licht, Wellen und Bewegung anfertigt. Eine Reise nach Jugoslawien mit einer befreundeten Familie und den Kindern prägt das Jahr zusätzlich.
1974 realisiert Hal Busse mehrere Projekte, die Kunst, Reisen und Architektur verbinden. Die Serie Nilreise erscheint als nummeriertes, signiertes Siebdruck-Skizzenbuch in einer Auflage von 150 Exemplaren mit je 45 Zeichnungen, die während der Ägyptenreise 1972 entstanden sind. Der Druck erfolgt im Atelier Peter Gutsche, Hamburg (Galerie Augentrost, Juni 1974). Begleitend zeigt Busse die Originale im Foyer der Harmonie Heilbronn (An den Nil und nach Heilbronn, März 1974) sowie in einer weiteren Präsentation in Hamburg (Waitzstraße / Beselerplatz, HASPA-Filiale). Ein Exemplar des Skizzenbuchs gelangt über die Künstlerin an die SPD-Bundeszentrale (Empfangsbestätigung Helmut Schmidt, MdB, 22.02.1984).
Im Bereich Kunst am Bau entsteht der Entwurf für die Gehörlosenschule Heilbronn. In einem Briefentwurf beschreibt Busse die geplanten Spielelemente im Treppenhaus, die sich aus beweglichen Kugeln zusammensetzen. Die Arbeit wird realisiert und ist bis heute am Ort erhalten (Bauherr: Staatliches Vermögens- und Hochbauamt Heilbronn). Ebenfalls 1974 beteiligt sie sich an einem Universitätswettbewerb. Die erhaltenen Notizen und Skizzen zeigen Überlegungen zu modularen, konzentrischen Raumstrukturen und Farbzonen im Gelände „Bogestraße / Hohe Wiede“ (Hamburg). Das Projekt erhält einen Preis, wird jedoch nicht realisiert. Parallel entstehen neue Werke im Atelier: Trinité [Alleen] (1974) – ein Objekt mit neun beweglichen Teilen, das die Prinzipien von Busses bildhafter Arbeit zu architektonischen und raumplastischen Konzepten betont. Ihr Denken in Systemen – zwischen Utopie, Funktionalität und Maß – verbindet hier Kunst und Wohnen mit einer sozialen Idee zu einem kohärenten Formprinzip. Die Mattenbilder werden eine eigene Reihe, zunächst als Lithografien, die Raster, Licht und Verdichtung untersuchen. Sie greifen das serielle Prinzip der frühen Stuttgarter Jahre auf und übertragen es auf eine modulare Flächenstruktur.
Das Jahr 1975 markiert in Hal Busses Werkentwicklung eine Phase der Verdichtung: Formal wie thematisch kulminiert ihr Interesse an Gleichmaß, Rhythmus und Paarbildung in einer Reihe großformatiger Gemälde, die das Motiv des Paares und das Konzept des »wiederholbaren Maßes« weiterführen. Geometrische Figuren werden in serielle Ordnungen überführt; zentral entstehen: Für Maria – Musikerbild (rot mit Herz), Musikerbild (grün), Für B., Blaues Paar, Blaues Paar II und Auf der Suche nach einem wiederholbaren Maß / Drei Figuren. Diese Werkgruppe folgt einer bildnerischen Grammatik aus Kreisstrukturen, Resonanz und Proportion, die auf physische wie geistige Balance zielt. Farbe erscheint nicht als Ausdruck, sondern als Struktur; das Bild als Ort rhythmischer Entsprechungen. Bei der 24. Jahresausstellung Deutscher Künstlerbund in Mannheim im folgenden Jahr werden Blaues Paar II und Auf der Suche nach einem wiederholbaren Maß erstmals gemeinsam gezeigt – ein Höhepunkt von Busses Auseinandersetzung mit serieller Figuration und Farbtransparenz. Im Frühjahr nimmt sie an der 23. Jahresausstellung des Deutschen Künstlerbundes in Dortmund, Prisma ’75, teil. In der Werkliste ist ihr Messingobjekt Auffaltbar – Dreiklang (1975) verzeichnet – ein Objekt, das durch seine klappbare Konstruktion den Begriff des Raumes als veränderbares Maß untersucht. Ergänzend meldet Hal Busse für die Sektion Kunstsituation 1963–65 (nur für Mitglieder) das Triptychon Gruss an den Süden an, eine bildhafte Reminiszenz an ihre frühen Farbfeldarbeiten.
1976 fertigt Hal Busse vornehmlich Lithografien zu den Serien Von den Frauen und der Suche nach dem wiederholbaren Maß. Letzteres wird auch das Ausstellungsplakat der Galerie Haas in Korntal bei Stuttgart (Duo-Schau mit Falko Hamm). Das Blatt zeigt drei Figuren in frontaler Ansicht, aufgebaut aus seriell gereihten Kreisformen und kompositorisch eingebunden in ein streng lineares Raster, in dem der menschliche Körper selbst zum „wiederholbaren Maß“ wird.
Im Sommer reist Hal Busse an die Côte d’Opale (Hauts-de-France). An der Opalküste entstehen Sandstudien und Aquarelle.
In all den Jahren bleibt der Austausch mit Elisabeth Walther und Max Bense konstant.
1977 realisiert Hal Busse die Spielelemente im Treppenhaus der Lindenparkschule Heilbronn; das Werk bleibt auch nach der Sanierung 2001 erhalten. Im selben Jahr beteiligt sie sich an der 25. Jahresausstellung des Deutschen Künstlerbundes im Frankfurter Kunstverein (Paulskirche, Wandelhalle) und schafft im italienischen Diano eine Serie farbintensiver Blumenaquarelle.
Vor allem aber entwickelt Hal Busse in den 1970er-Jahren ihre sogenannten Röhren-Plastiken – utopische Architekturmodelle, die Bewegung, Anpassung und Partizipation verbinden. Unter Titeln wie Utopische Architektur / Traumhaus / Felsenküste am Meer (1977) entwirft sie visionäre Raumstrukturen, die sich »zur Sonne hin auffalten oder zum Schatten hindrehen« können, »je nach Bedarf des jeweiligen Etagenbesuchers«. In ihren Notizen beschreibt sie, dass sich die Wünsche der Bewohner in der Architektur „einschreiben“ und so eine variable, atmende Form des Hauses entsteht – eine Utopie zwischen Natur, Technik und sozialem Ideal.
1978 wird die Röhrenplastik Traumhaus – Utopie (Felsenküste am Meer) in der 26. Jahresausstellung des Deutschen Künstlerbundes gezeigt (Artikulation des Raumes, Akademie der Künste / Neue Nationalgalerie / Staatliche Kunsthalle Berlin). Zudem ist Busse in der Sommerausstellung des Kunstvereins Heilbronn (Harmonie) sowie im Pariser Salon Comparaisons – Grands et Jeunes d’Aujourd’hui im Grand Palais vertreten.
1979 reist Hal Busse erneut nach Paris. Und sie nimmt an der Großen Kunstausstellung München im Haus der Kunst teil; außerdem ist sie in der Ausstellung Manfred Henninger – Maler und Lehrer (Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart) vertreten – einer Schau des Künstlerbunds Baden-Württemberg. In ihrem Hamburger Atelier am Rathenaupark entsteht parallel die Werkreihe EBUMBU – aus gefärbtem, geflochtenem Japanpapier, teils als Mattenbilder im Werkverzeichnis geführt. Inspiriert wurde Busse durch die Erzählung eines kamerunischen Freundes, dass die Flagge seines Landes, Duala, eine Matte sei. So entwickelt sie aus in Wasser gelösten Aquarellfarben und verflochtenen Papierstreifen farbige Strukturgewebe, die kulturelle Symbolik und serielle Ordnung verbinden.
1980–1989
Strukturelle Ordnung und Farbe als sinnliche Wahrnehmung, Wohnen als Utopie
Im Juli 1980 zeigt Hal Busse in der Pfalzkapelle Bad Wimpfen eine Einzelausstellung, deren Mittelpunkt das Skizzenbuch Nilreise bildet. Am 10. Juni 1980 erhält sie ein Angebot der Galerie Mandragore, Paris (Internationale Galerie d’Art), das ihr eine kommerzielle Repräsentanz in Aussicht stellt, jedoch mit hohen Vorauszahlungen verbunden war. Busse lehnt ab – vermutlich auch, weil sich der Gesundheitszustand ihrer Mutter in diesem Jahr zunehmend verschlechtert. Im Sommer reist sie nach Paris; u.a. schreibt sie von dort an Herbert Baumann. Der briefliche Austausch mit Attila und Jacqueline Biró (Grenoble) setzt sich fort. Im selben Jahr entstehen zwei interessante Arbeiten: die Lithografie Gilgamesch – eine grafische Annäherung an das mythische Thema von Freundschaft und Vergänglichkeit – sowie das farbige Nagelrelief o. T., bei dem auf weißem Grund angebrachte Nägel mit Neonfarben übermalt sind. Vermutlich in den 1950er-Jahren genagelt und in den 1980ern überarbeitet. (Die späte Datierung stützt sich laut Dr. Frederik Schikowski auf eine Aussage der Künstlerin selbst.)
In den 1980ern gibt es eine Hinwendung zu freierer Malerei: Statt Konzeptionelles setzt Hal Busse in einer unbetitelten Malerei rhythmische Pinselzüge in leuchtenden Rot- und Orangeschichtungen, was eine pulsierende, fast atmende Fläche erzeugt. Die malerische Geste erzeugt einen vibrierenden Farbraum – eine stimmungsvolle Verdichtung von Farbe zur Erfahrung reiner Präsenz.
1981 nimmt Hal Busse mit dem Modell Utopische Architektur – Etagen um Achsen verdrehbar, zu Sonne und Schatten orientierbar an der Ausstellung „Das Haus in der Kunst“ in Heilbronn teil, wo ihre Idee beweglicher, klimaadaptiver Baukörper im Dialog mit Architekturentwürfen und städtischen Visionen steht. Parallel beteiligt sie sich am Wettbewerb „Das Kind in unserer Welt“ der Werner Otto Stiftung Hamburg.
In Paris entwickelt sie Versionen eines konzeptuellen Folienmodells, funktional wie ein Antikriegsspiel: „Die Uniform / Ballett“: Auf mehreren Folien und Pergamenten zeichnet sie Armeeformationen, schlägt Farbanweisungen und Choreografien vor. Die Figuren bewegen sich in Farbfeldern von Blau, Rot, Gelb und Grün – Symbole nationaler Zugehörigkeit, die sich im Verlauf des „Balletts“ auflösen. Das Werk verbindet Bewegung, Farbe und Protest zu einer interaktiven Partitur gegen Uniformierung und Krieg. Eine tatsächliche Aufführung des in drei Variationen konzipierten „Uniform-Balletts“ soll ein Wunsch bleiben.
Im Frühjahr 1982 zeichnet Hal Busse das Konzept eines „Sterns begehbarer Farbräume“ – eine szenografische Studie zu transparenten Folien und Stoffbahnen, die Bewegung und Wahrnehmung im Raum verbindet. Sie deutet einen immersiven Farbarchitektur-Entwurf an, möglicherweise im Zusammenhang mit ihrer Idee eines eigenen „Busse Museums“ für die Werke ihres Vaters und die eigenen. Parallel entstehen die plastischen Studien zum Projekt „Der Springer“, das 1982 als Kunst-am-Bau-Arbeit im Schwimmbad Heilbronn-Kirchhausen realisiert wird. Busse zeigt darin das Verhältnis von Körper, Raum und Bewegung – der „Springer“ als Sinnbild für Übergang und Wagnis. Auch fertigt sie in den 1980ern Lithografien zu Schwimmern, Springern und Tauchern, eine Konsequenz aus ihrer lebenslangen Beschäftigung mit dem Thema Wasser und dem Menschen. Im Sommer reist sie nach Venedig und arbeitet anschließend in Heilbronn an neuen Aquarellen, darunter Ein Bild, das ich gerne gemalt hätte. In ihren Tagebüchern notiert sie im Dezember: »Drei Wochen Heilbronn. Nun wieder die Kälte.« – In diesen Jahren hat Hal Busse zwei Wohnsitze, da sie zunehmend in Heilbronn bei ihrer Mutter ist. Doch erst 1989 wird sie final Hamburg verlassen. 1982 finden sich Notizen zur intensiven Beschäftigung mit Simone Weil, deren Schriften zu Askese, Aufmerksamkeit und Gerechtigkeit Hal Busse gerade in dieser Lebensphase beeindrucken.
1983 wird Hal Busses bildnerisches Denken zwischen Malerei, Objekt und Raumkonzept ein weiteres Mal modifiziert: In „Luft/RAUM“ oder ohne Titel (grünes Bild) und dem farbigen Objekt „Drachen / Windvögel – Kites / Wind-birds“ (Deutscher-Künstlerbund-Aktion in Hamburg, organisiert von Elk Knaake und Burkhard Vernunft) verbindet sie Bewegung, Farbe und Leichtigkeit; deutlich ihr Hinweis zu Ying-Yang auf dem Objekt (zerstört). Die Kinder der Welt begrüßen den Frieden fasst erneut die Antikriegsthematik und es entsteht der Zyklus Erinnerung an J. F. Kennedy (u.a. Städtische Museen Heilbronn). Die Werke zeigen rhythmische Raster, modulierte Farbflächen und strukturierte Überlagerungen – eine Fortführung ihrer seriellen Malerei der 1970er, nun jedoch in leichteren, transparenten Akkorden. In Tagebuchnotizen und Entwürfen reflektiert Busse zu „Der Mensch ohne Schwere“. Und immer wieder tauchen Konzeptionen zum „Busse-Museums“ auf. Sie nimmt 1983 an der 31. Jahresausstellung des Deutschen Künstlerbundes, Berlin, teil und beteiligt sich an dem von Traute Schiffer-Renschler und Wolfgang Kern initiierten Friedensprojekt „Gesammelte Angst“, in dem sie ihre frühere Lithografie Keine Soldaten (1968) erneut einbringt – als Zeichen ihrer anhaltenden pazifistischen Haltung.
Das Jahr 1984 steht im Zeichen einer zunehmenden Bindung Hal Busses an Heilbronn, wo sie zwischen der Pflege ihrer 86-jährigen Mutter und der Aufrechterhaltung ihres Hamburger Ateliers pendelt. Im Frühjahr dankt Dr. Andreas Pfeiffer, Direktor der Städtischen Museen Heilbronn, für eine großzügige Zustiftung von zwölf Arbeiten, mit der Busse den geplanten Museumsneubau unterstützt. Neben den bereits angekauften 35 Werken (1957–1967) übergibt sie u. a. Lithografien der Antikriegblätter (1963), die Hommage an Käthe Kollwitz (1968) und das Plakat Stadtbücherei Heilbronn (1971).
Aus den Briefen und Tagebüchern dieser Zeit sprechen sowohl politische Wachheit als auch poetische Innenschau: Im April schreibt sie über ein in Arbeit befindliches Gemälde, inspiriert von einem Abend auf der Piazza della Signoria in Florenz: »Rot ist nicht gleich Rot. Jedes Rot ist anders.«. In den Notaten formuliert sie: »Das Recht, sich zusammenzuschließen. Das Recht, sich zu vereinzeln. […] Die Freiheit zu lieben.« Künstlerisch verbindet Hal Busse immer wieder Schrift mit Malmitteln, wie in der Gouache auf schwarzem Karton „Vom Missbrauch“ bspw.: »Brauchen – Gebrauchen – Verbrauchen« steht quer über der Komposition. Neben dieser politisch-sprachlichen Arbeit entstehen 1984 zahlreiche Landschafts- und Reisezeichnungen (Heilbronn, Elbe, Venedig), darunter ein Blatt, vermutlich aus dem Flugzeug gezeichnet: Berlin – Stuttgart, 28. 7. 84, ca. 19:00 (verso: »Wie Watte alles da unten«). Busse beteiligt sich an der Sommerausstellung des Heilbronner Künstlerbundes (Harmonie Heilbronn) sowie an der 32. Jahresausstellung des Deutschen Künstlerbundes in Frankfurt a. Main. Zugleich nimmt sie wieder Kontakt zu Weggefährten auf, etwa zum Kunsthistoriker Dr. Günter Geisseler, dem sie ihre frühen schwarz-weißen Lithografien zeigt – gedruckt in den 1950er-Jahren bei Wilhelm Fischer, Stuttgart, dessen etwas improvisierte Presse während der Nachkriegsjahre sie mit liebevoller Präzision beschreibt.
1985 Hal Busse erarbeitet neue Entwürfe zu Spielobjekten sowie zum eigenen Museumsbau in Heilbronn – eine Art autobiografische Architektur zwischen Atelier, öffentlichem Ort und Rückzugsraum. Im Oktober besucht Busse in München die große Otto-Dix-Ausstellung, die sie als »epochales Ereignis« bezeichnet – wohl auch, weil sie sich an ihre eigene Jugendzeit erinnert, als sie Dix’ Werke 1937 in der Schau Entartete Kunst sah. Immer wieder entstehen Zeichnungen, Aquarelle und auch viele Collagen zu den Themen Elbe, Badende, Taucher und sich begegnenden Figuren – das Wasser bleibt eines ihrer wichtigsten Elemente.
Für einen Wettbewerb entwickelt Hal Busse 1986 mobile Regalelemente zur variablen Nutzung von Innenräumen, bestehend aus beweglichen Modulen auf Rollen, aus Holz, Metall oder Kunststoff gefertigt. Die Elemente wären frei kombinierbar und farblich variierbar (Weiß, Rot, Grün, Gelb, Blau / Metall: Schwarz, Rot, Beige). Das zugehörige Modell zeigt Formen, die wie skulpturale Raumteiler funktionieren – ein Konzept zwischen Möbel, Architektur und plastischem Objekt. Auch reist Hal Busse viel nach Venedig, Heidelberg, Würzburg u.a.; in ihren Skizzenbüchern finden sich zahlreiche Zeichnungen aus dem Zugfenster. In Heilbronn malt sie großformatige Gartenbilder. Und sie versucht, bei befreundeten Familien alle Werke ihres Vaters (u. a. Fliederstrauß, Jagstfeld, Insel Vilm) zusammenzusammeln.
Im Mai 1987 reist Hal Busse nach Island, wo mehrere Aquarelle in Reykjavík entstehen. Ihre Arbeit Rotes Nagelrelief ist in Stuttgart in der Gruppenausstellung „Im Material – Objekte und Assemblagen der 60er Jahre“ im Württembergischen Kunstverein zu sehen. Im Dezember ist sie mit zwei maritimen Aquarellen – Fischereihafen und Yachthafen (Maasholm) – in der 57. Weihnachtsausstellung des Heilbronner Künstlerbundes und des Kunstvereins Heilbronn vertreten. Die Heilbronner Stimme hebt ihren Beitrag als farbintensiv und bewegungsreich hervor: »Der farbenprächtige Fischereihafen reiht sich in jene Werkphase ein, in der Busse sich intensiv mit maritimen und industriellen Motiven auseinandersetzte«. Noch im Herbst 1987 schreibt sie an Ruth Eitle, dass sie weiterhin »zwischen Nord und Süd« pendle – zwischen Hamburg und Heilbronn.
Hal Busse zeigt 1988 im GEDOK-Haus Lithographien und Arbeiten auf Papier. Im März beteiligt sie sich an der Benefizauktion „Terre des hommes“ im Württembergischen Kunstverein Stuttgart zugunsten des Child Rehabilitation Center Manila, kuratiert von Barbara Heuss-Czisch, Tilman Osterwold und Günther Wirth. Zudem nimmt sie an der Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes teil, ebenfalls in Stuttgart.
1989 markiert für Hal Busse eine entscheidende Zäsur: Am 22. Oktober 1989 zieht sie endgültig vom Atelier im Rathenaupark in Hamburg nach Heilbronn – der Vermerk auf dem Keilrahmen einer Malerei dokumentiert diesen Schritt, mit dem sich ihr biografischer Kreis schließt, zurück in die künstlerische und familiäre Heimat. Ihre Mutter wird 102 Jahre alt, wenn sie 2001 für immer einschläft. Dennoch reist Hal Busse in diesem Jahr: im September nach Paris und im Juli war sie auf Gran Canaria, wo sie sich in Puerto Rico aufhielt. In einem Brief an Klaus Bendixen beschreibt sie die Megalith-Kultur der Insel und verbindet die Reiseeindrücke mit Reflexionen über Maß, Struktur und Ursprung – Themen, die auch ihr Spätwerk prägen.
1990–1999
Die Essenz des Sichtbaren und Erinnerung als schöpferischer Prozess
Im Jahr 1990 entstehen mehrere Werkgruppen, in denen Hal Busse Natur und Farbe zusammenbringt: Zum einen die Serie der „Weinbergsbilder“, die mit Weinbergserde und Pigmentbinder gearbeitet sind. Die erdigen Texturen und grün-braunen Farbtöne verbinden sich unvermittelt mit der Landschaft ihrer Heimatregion; Busse konzipiert die Arbeiten als variable Bildinstallation. Parallel entsteht die großformatige Serie Sommerhut, ausgeführt in Tempera auf unbehandelter Leinwand. Die Bildreihe basiert auf der Beobachtung eines einfachen Strohhuts, dessen geflochtene Struktur das Licht in unzählige Punkte und Reflexe zerlegt. Aus diesen Erscheinungen entwickelt Busse ein vibrierendes Geflecht aus Ocker-, Orange- und Blautönen, das zwischen Abbild und Abstraktion oszilliert. Die durchscheinenden Farbschichten lassen die Fläche wie von innen leuchten – der Blick durch das Geflecht des Huts hindurch möchte Sonne, Blüten, Luft und Bewegung erhaschen. Dazu ist ein Leporello mit vier Zeichnungen entstanden, betitelt Erinnerungen an die Algarve / Abbu Feirra 1990 [recte: Ferreira]. Vertreten ist Hal Busse 1990 mit Arbeiten in der Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes in Berlin; zudem wird das von Antikriegsprojekt „Gesammelte Angst“, an dem Busse bereits 1983 beteiligt war, in der ngbk-Ausstellung „Kunst und Krieg“ in Berlin präsentiert. Die Mappe mit allen Beiträgen geht anschließend in den Bestand des Antikriegsmuseums Berlin-Moabit über. In einem Brief an ihren langjährigen Freund Wolfram Clavier erwähnt Hal Busse, dass sie sich ein Jahrzehnt “Klausur auferlegt habe, also mehr am Arbeiten als am Ausstellen interessiert sei, mit wenigen, notwendigen Ausnahmen”.
Hal Busse ist 1991 mit Arbeiten in zwei Ausstellungen vertreten, die ihre Verankerung im südwestdeutschen Umfeld spiegeln: in der Galerie Moering, Wiesbaden (Hal Busse – Arbeiten auf Papier) und vor allem: Vier ehemalige Fritz-Steisslinger-Schüler stellen aus in der Galerie Contact, Böblingen. In dieser Zeit wendet sich Busse wieder stärker dem Aquarell und der Naturbeobachtung zu. Ihre Blumenbilder und Neckarfest-Aquarelle verbinden dies mit Spiel, Bewegung und starken Farben.
Mit der Ausstellung „Heilbronn und die Kunst der 50er Jahre“ in den Städtischen Museen Heilbronn 1993 erfährt die Arbeit der hiesigen Künstler:innen in der Dekade nach dem Krieg eine nähere Betrachtung und Würdigung. Hal Busse brachte damals ja rasch Impulse aus Paris mit, so die hier präsentierte Straßenkreuzung (Öl/Papier) aus 1951, die bereits Anfang Januar 1952 von den Städtischen Museen Heilbronn angekauft wurde. In der Ausstellung 1993 wurden zudem Die Obsternte (1953), Arena, grau-rot (1958) und das “Nagelrelief gelb - blau - rot" (1957/58) gezeigt.
Ein Jahr darauf wird im Rathaus Heilbronn die Ausstellung „Hal Busse – Weinbergbilder“ realisiert. In einer Notiz beschreibt sie rückblickend den Ursprung des Themas: Die ersten Impulse hinsichtlich der Weinberge gingen auf das Jahr 1959 zurück – auf den „Schnee in den Weinbergen“, der sie damals zu den Nagelreliefs inspiriert habe. Während sie zuvor Strukturen von Menschenmengen („am Strand, im Theater, in der Arena“) untersuchte, faszinierte sie nun die statische, nur durch Licht wandelbare Struktur der Rebhänge. Zwischen 1983 und 1993 habe sie erneut versucht, „die sich verändernden Strukturen der Bepflanzung“ festzuhalten. Dazu gehört das Triptychon, welches dauerhaft im Foyer des Museums im Deutschhof zu sehen ist.
1994 wird Hal Busses Bronzeplastik Klaus Bendixen in der Gießerei Grünwald, Akademie der Künste am Weißenhof Stuttgart, gegossen.
„Zeichnen“, so ist die 44. Jahresausstellung des Deutschen Künstlerbundes betitelt (1996/97, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg), welche die für Hal Busse zeitlebens bedeutende Arbeit mit Linie, Kontur, Struktur, Aufbau und Fläche highlightet – die Zeichnung ist für sie stets ein autonomes Medium. In den ausgehenden Neunzigern überwiegt in Busses Malerei eine farbige, atmosphärische Leichtigkeit; die Motive wirken unmittelbarer, heiter. Siegfried Simpfendörfer wird 2002 in seiner Eröffnungsrede formulieren: “Was sie in dieser Zeit [seit 1994] gemalt hatte, sind farbstrotzende, abstrakte Acryl-Großformate, in denen sie ihr unmittelbares Lebensumfeld in Momentaufnahmen schnell und spontan eingefangen hat. Es sind Sommerbilder, Gartenbilder, Terrassenbilder, Bilder mit flirrendem Licht und einem fast naiven Bekenntnis zur Farbe [...]” Wiederkehrende Themen – Vegetation, Wachstum, Bewegung im Licht – werden auch in Aquarell und Mischtechnik weitergeführt, ebenso in kleinen Formaten, die an Notate erinnern.
Erinnerungen an ungemalte Bilder (Datierung unklar: zwischen Mitte der 1980er- und Ende der 1990er-Jahre) nimmt jedoch eine besondere Stellung ein: Bereits der Titel weist auf den retrospektiven Charakter dieser Leinwandarbeit hin, in denen Busse innere Bildvorstellungen und nicht realisierte Kompositionen reflektiert. Das großformatige Werk versammelt in rasterförmiger Struktur eine Vielzahl kleiner, malerisch angelegter Felder. Jede Zelle hält eine fragmentarische Szene fest – Figuren, Räume, Gesten, Objekte –, die sich zu einem visuellen Gedächtnisraum verdichten. Der sehnsüchtige Titel »Erinnerungen an ungemalte Bilder« wird so zur paradoxen Selbstsicht einer ausnehmend fleißigen Künstlerin auf ihr Werk, indem sie das Fehlende hervorhebt. Durch das Malen der Nicht-Gemalten entsteht eine wehmütig-poetische Bilanz.
In ihren Tagebüchern finden sich zudem immer wieder Plädoyers für Zivilcourage und gegen militärische Gewalt.
2000–2009
Verluste, Balance und Lorbeeren
2001 stirbt Hannelore Busses Mutter Leni. Die jahrelange Fürsorge und intensive Nähe zur Mutter findet sich wiederholt in ihren späten Aquarellen und Papierarbeiten wieder. 2002 zeigt die Einzelausstellung „Heilbronner Bilder 1980–2001“ in Galerie U21 des Künstlerbundes Heilbronn, die Siegfried Simpfendörfer einführt.
2003 verstirbt ihr Mann Klaus Bendixen. Mit seinem Tod endet eine jahrzehntelange Partnerschaft, die künstlerisch, intellektuell und familiär prägend war. Hal Busse lebt und arbeitet weiterhin in Heilbronn.
Ihr Nagelrelief 7 / weiß (1958) wird in der Ausstellung „Die Poesie des Materials“ 2004 (Galerie Schlichtenmaier, Stuttgart) neben Arbeiten von Arman, Jürgen Brodwolf, Paul Reich, Günther Uecker u. a. gezeigt. Busses weißes Nagelbild wurde bereits im Mai 1959 in der 9. Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes in Wiesbaden gezeigt – und findet nun 2004 Eingang in die Sammlung des Landes Baden-Württemberg.
2006 würdigt eine umfangreiche Ausstellung das Werk von Hal Busse erstmals in seinem ganzen Umfang – von den frühen, gegenständlich-figurativen Studien der 1940er-Jahre über die Nagelreliefs und konstruktiven Arbeiten der 1950er und 1960er bis zu den farbintensiven Spätwerken: „Farben, die blühen – Die Malerin Hal Busse“ in der Kunsthalle Vogelmann der Städtischen Museen Heilbronn. Direktor Dr. Marc Gundel betont in seinem Essay die „Entfaltung einer poetischen Logik der Farbe“, in der Busse Farbe als „lebendige, atmende Substanz“ behandelt. Dieter Brunner wiederum verfolgt den „roten Faden“ ihres Werks als innere Bewegung zwischen Intuition und Ordnung – ein Spannungsbogen, der Busses gesamtes Schaffen durchzieht. Farben, die blühen markiert den späten Höhepunkt von Hal Busses öffentlicher Rezeption: Die Schau verband Werk, Biografie und Haltung zu einem Gesamtbild, sodass zahlreiche Kunsthistoriker:innen, Kurator:innen und Institutionen auf die Künstlerin aufmerksam wurden.
2009 reist Hal Busse mit ihrer Tochter Katarina Bendixen in die USA.
2010–2018
Öffentliche Anerkennung und Resonanzen
Den Blickwinkel erweitern kann 2011 die Gemeinschaftsausstellung mit Familienbezug: „Drei Generationen – Vier Künstler“ des Künstlerhaus Heilbronn in der Heilbronner Zigarre. Die Schau mit Werken von Hal Busse, Hermann Busse, Klaus Bendixen und Katarina Bendixen verdeutlicht das Fortwirken künstlerischer Haltungen und den familiären Dialog zwischen Generationen.
In Münster wird das – 1956 vom damaligen Rektor Prof. Jost Trier für das Germanische Institut der Universität Münster in Auftrag gegebene – Gemälde, das jahrzehntelang als verschollen galt, wiederentdeckt und restauriert: „Das grüne Bild“ kann 2013 in der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster gehängt und feierlich präsentiert werden; auch aktuell frei zugänglich im Vom-Stein-Haus am Schlossplatz. Auch 2013 findet Hal Busse Eingang in die 2. Auflage von Der neue Rump. Lexikon der Bildenden Künstler Hamburgs. Und nimmt 2015 an der Ausstellung „Manfred Henninger – Maler und Lehrer“ Backnang (Galerie im Helferhaus) teil.
Außerdem erscheint 2015 in der ZEIT (08.01.2015) die Titelgeschichte »Und die Männer schauten skeptisch« von Jörg Scheller, ein Schlüsseltext für die Rehabilitierung weiblicher Avantgarden der 1950er- und 1960er-Jahre. Zitat: „Ihr Werk steht für eine andere Form von künstlerischer Mission: Empathie statt Macht, Materialwahrnehmung statt Markenerfolg.“ – eine späte, mediale Korrektur der kunsthistorischen Schieflagen ihrer Generation.
Mehrere Ausstellungsbeteiligungen dann 2016 und 2017 markieren den Beginn einer internationalen (Wieder-) Entdeckung: Besonders „The Serial Attitude“ in der Eykyn Maclean Gallery in New York 2016 und „Art in Europe 1945–1968“ im ZKM Karlsruhe, 2016/2017. In diesen Kontexten wird ihr serielles Denken erstmals im internationalen Vergleich mit ZERO, Minimal Art und der europäischen Nachkriegsavantgarde präsentiert. Zudem zeigt 2017 die Daimler Art Collection in Berlin fünf Monate lang „Serielle Formationen – Re-Inszenierung der ersten deutschen Ausstellung internationaler minimalistischer Tendenzen“. Busses Arbeit wird hier als Teil jener Pioniergeneration, die serielle Verfahren bereits Ende der 1950er-Jahre entwickelt hatte, dokumentiert. Die Städtischen Museen Heilbronn zeigten 2017 im Deutschhof „Hal Busse – Auf Reisen und im Atelier“.
Auch 2017 kuratiert Dr. Frederik Schikowski Hal Busses Objekte und Architekturmodelle in die Ausstellung „Spielraum. Kunst, die sich verändern lässt“, die im Oberösterreichischen Landesmuseum Linz und im Kulturspeicher Würzburg läuft (2017–2018) und speziell den partizipativen und prozessualen Aspekt von Busses Arbeiten in einen größeren europäischen Zusammenhang stellt.
Am 20. März 2018 stirbt Hal Busse im Alter von 91 Jahren in Heilbronn. Anlässlich ihres 92. Geburtstags im Mai wird eine Gedenkveranstaltung in den Städtischen Museen Heilbronn abgehalten.
Zahlreiche Museen und Sammlungen nehmen in den Folgejahren Kontakt auf; die wissenschaftliche Erschließung ihres Œuvres beginnt systematisch, die Arbeit des Nachlassarchivs von Johanna Bendixen mit Jana Noritsch konzentriert sich in Hamburg auf ein Werk- und Nachlassverzeichnis – und Hal Busses Werk bleibt dank der Galerie Volker Diehl in Berlin und der Galerie Beck & Eggeling in Düsseldorf kontinuierlich in der Öffentlichkeit präsent.
Hal Busses letzte Zeichnung ist 2016 dem Wald gewidmet – wir erinnern uns, wie sie 1957 notierte: »Alle Motive führen zum Wald oder Wachstum«.
Die künstlerische Vita – alle Ausstellungen und Preise – von Hal Busse haben wir auf der der Seite Austellungen gelistet. Posthume Ausstellungen und Publikationen finden sich bei Aktuelles.