Hannelore Bendixen-Busse
Diese Internetseite gibt einen Überblick zu Leben und Werk der Künstlerin Hal Busse. Sie lebte vom 15. Mai 1926 bis 20. März 2018, mit bürgerlichem Namen: Hannelore Bendixen-Busse.
Ihre Tochter Johanna Bendixen hat das Hal Busse Archiv in Hamburg initiiert und betreut mit Jana Noritsch gemeinsam die Werkverzeichnung des umfangreichen Œuvres sowie die Inventarisierung sämtlicher Dokumente und die wissenschaftliche Aufarbeitung: Neben der Verzeichnung aller Gemälde, Reliefs, Objekte, Zeichnungen, Druckgrafiken, Skizzen und Konzeptionen (u.a. Kunst am Bau) steht uns ein umfassendes Konvolut an Schriftgut und Konversationen mit Otto Piene, Anton Stankowski, Max Bense, Elisabeth Walther-Bense, Fritz Seitz und Anderen zur Verfügung, welches das Nachlass-Archiv gerne für die Forschung öffnet.
Dabei ist eine Biografie entstanden: Den aktuellen Forschungsstand zeigen wir auf dieser Biografie-Seite, die hier kontinuierlich aktualisiert wird. Anlässlich des 100. Geburtstags der Künstlerin im Mai 2026 wird die Biografie mit Werkbesprechungen und Personen- und Ausstellungsverzeichnis publiziert.
Neueste Publikationen und Ausstellungen finden Sie unter Aktuelles.
Bislang unbekannt ist die breitgefächerte Palette Hal Busses Œuvres: Die intensive Auseinandersetzung mit den Phänomenen von Form und Farbe, Mensch und Umgebung, Reduktion und Natur begleiten das Leben und Schaffen der Künstlerin Hal Busse kontinuierlich. Aus der Natur kommend bewahrt sie sich zeitlebens eine naturgegebene Sicht auf alle Dinge und die Menschen, auch voller Neugierde. Alles ist verwoben: Enorm detailgetreu einerseits bannen ihre künstlerischen Fertigkeiten auf den Malgrund, was ihr geschulter Blick blitzschnell erfasst. Andererseits hat sie daneben eine unglaubliche Abstraktionsfähigkeit – wie ein Herauszoomen gelingen ihr die starken Werkreihen zur Masse Mensch, den Arenen und den Badenden. Das zu verzeichnende Œuvre und Nachlassarchiv von Hal Busse umfasst einige tausend Dokumente und Briefe, Artikel, Studien, Skizzen und Werke der Bereiche Malerei und Zeichnung, Drucktechniken und Bildhauerei, (Nagel-) Reliefs und Objekte, Collagen, auch Fotografie, sowie Kunst am Bau und ein großes Mosaik.
Hannelore Busse wurde 1926 im baden-württembergischen Jagstfeld am Neckar geboren. Nach dem Krieg gehört sie 1946 zu den ersten Studierenden an der wiedereröffneten Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Die Studienzeit (15.8.1946 - 15.7.1954, vgl. Studierendenakte WVZ-HB-3RD-DOC-08380]) wird zu einer Phase zwischen akademischer Schulung, Werkexperimenten und Selbstbefragung – mit frühen Ausstellungen und einem wachsenden Netzwerk in Europa. Sie studiert Malerei bei Manfred Henninger, Fritz Steisslinger, Rudolf Yelin d. J. und Karl Hils. Hal Busse hörte u.a. Vorlesungen bei Willi Baumeister und ging mit der Klasse Henninger häufig zu Korrekturen bei ihm: "...von ihm [Manfred Henninger] ermutigt, war ich Gast bei Willi Baumeister, der meine Ausbildung ergänzt hat, was das Geschehen auf der Fläche betraf" [WVZ-HB-DOC-07715]. Maltechnischen Unterricht bekam sie als junge Studentin bei Prof. Kurt Wehlte [zu Firnis und Grundierungen, bspw. Inv-WVZ-Z-09135]; und erhielt zahlreiche Konsultationen bei Erich Fuchs.
Früh gewinnt sie Preise, stellt aus und realisiert bereits große Kunst-am-Bau-Projekte (siehe Ausstellungen). Ein Stipendium führt sie 1951 nach Paris, die Stadt wird zur ewigen Wunschheimat für sie. In Paris erkennt Busse in der Fülle der Welt den Wert der Reduktion. »Will ich jetzt ungegenständlich oder nicht?« notiert sie – eine Frage, die zum Motor ihres Werks wird.
Hannelore Busse avancierte nach ihrem Malereistudium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart zu einer der bekanntesten Künstlerinnen im Nachkriegsdeutschland. Sie bekam nach dem Neubau der GEDOK als eine der ersten Künstlerinnen ein Atelier in der Hölderlinstraße 17. 1956 heiratete sie den Baumeister-Schüler Klaus Bendixen; gemeinsam bezogen sie 1958 eine großzügige Fabriketage mit Atelierflächen in der Stuttgarter Hölderlinstraße. Zeitlebens standen sie im engen Austausch mit Anton Stankowski, Fritz Seitz, Max Bense, Elisabeth Walther-Bense, Helmut Heißenbüttel, Ruth Eitle und Felicitas Baumeister. 1959 besucht sie hier Yves Klein in seinem Atelier [WVZ-HB-J-DOC-06088].
1956 wird Hal Busse als eine der ersten Künstlerinnen Mitglied im Deutschen Künstlerbund. Ende der 1950er-Jahre kürzte sie ihren Spitznamen Haloli in den Künstlernamen Hal ab.
1958 laden sie Otto Piene und Heinz Mack ein, mit zwei Leinwandarbeiten und einem Nagelrelief an der 7. Abendausstellung "Das rote Bild" von ZERO in Düsseldorf teilzunehmen [u.a. WVZ-HB-3RD-DOC-07349]. Im März 1963 lädt Ursula Ludwig "auf Empfehlung der Herren Piene, Mack und Uecker" [WVZ-HB-DOC-06329] Hal Busse ein, an der ZERO-Ausstellung in der Galerie diogenes "Gesellschaft zur Aktivierung von Kunst und Wissenschaft e.V" in der Bleibtreustraße 7, Berlin, teilzunehmen.
1959 Jahr später ist sie ausstellende Künstlerin bei der Mailänder Präsentation: „Stringenz – Neue Deutsche Tendenzen 1959“ in der Galleria Pagani del Grattacielo.
Die Geburt ihrer ersten Tochter Katarina 1959 und der Umzug nach Hamburg 1961 markieren einen neuen Abschnitt. Zunächst arbeitet sie noch an ihren Strukturbildern und zeichnet unerlässlich das Wasser der Elbe, später wird das Atelier zum Labor für Materialexperimente, Serien und Objekte wie das “Rot flimmernde Raumobjekt” entstehen. 1961 ist Hal Busse als einzige Frau Mitglied der Jury der 7. Landeskunstausstellung in Heidelberg neben u.a. Otto Dix, Max Ackermann, Fritz Ruoff, und Manfred Henninger. In Stuttgart realisiert sie eine Glasmontagewand im Schwimmbad, während sie in Hamburg mit Holz und Papier arbeitet, später Plexiglas und Metall – konzeptionell immer nah an Bewegung und Wandel. Sie lehnt die Trennung zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit ab – ihr Ziel ist das Sicht- und Empfindbare des Lebendigen. 1962 kommt Tochter Johanna zur Welt. 1968 nimmt sie ein Stipendium in Paris wahr – mit den jungen Töchtern, wo sie im Frühjahr die Revolte miterlebt. Hier druckt sie in der Werkstatt Desjaubert rund einhundert Antikriegs-Lithografien. Auch in Hamburg entstehen politische Gemälde. In den 1960er und 1970er Jahre überführt Busse ihre seriellen Systeme zu plastischen Arbeiten wie beim Keramik-Relief in der Klinik Bad Wildbad und ihren Objekten wie den “Alleen” 1965. Das Thema Kugeln im Raum realisiert sie im Kunst-am-Bau-Projekt in Bergedorf. In Zeichnungen, Grafiken und Gemälden widmet sie sich dem Thema Paar und der Familie. Reisen nach Ägypten, Venedig und Paris vertiefen ihr Nachdenken über den Menschen. Sie arbeitet zum Prinzip des wiederholbaren Maßes, mit Rastern, Kreisen, Resonanzen und Proportionen. Diese Überlegungen führen sie zu erneut partizipativen Systemen und architekturbezogenen, utopischen Modellen, zu wandelbaren Türmen, die Bewegung und Spiel reflektieren. Und kontinuierlich beginnt sie, ein Busse-Museum zu planen, für alle Künstler der Familie. Ab 1980 führt sie ihr Denken wiederum zu neuen Materialien und Techniken wie geflochtenes, handgefärbtes Japanpapier, Mattenbilder, farbige Raster. Sie bleibt hellwach, politisch und poetisch zugleich. Werke wie “d. m. M. f. w.”, “Erinnerung an J. F. Kennedy”, “Kinder der Welt begrüßen den Frieden” und ihr “Uniform-Ballett” verbinden Bewegung, Farbe und Kritik an Gewalt.
Dann wird ihre Arbeit leichter, naturverbundener, auch weil sie zunehmend in der Heimat ist, denn sie pendelt bis 1989 zwischen Hamburg und Heilbronn, wo ihre Mutter sie braucht. Nun entstehen die späten „Weinbergsbilder“, die tonige Erde bindet sie mit Pigment. Die Bildtafeln zu den Hängen sind modulhaft wandelbar – ein Gegenentwurf zu den Nagelreliefs früherer Jahre. Ihre letzten Gemälde und Aquarelle zeigen Farbe als lebendige Substanz: Gärten, Blumen, Terrassen, flirrendes Licht unter Strohhüten. Immer wieder Wachstum, Kreislauf, Balance. Hal Busse stirbt am 20.03.2018 in Heilbronn im Alter von 91 Jahren. Ihr Lebensweg spannt sich von der Nachkriegsavantgarde bis in die Gegenwart. Er erzählt von Mut und Entdeckungsfreude, von Klarheit und leuchtenden Farben, von Maß und Struktur, von freiem Spiel und Bewegung – vom Leben einer Künstlerin, die Farbe, Raum und Mensch in einem offenen, vielfältigen OEuvre vereint. »Alle Motive führen zum Wald oder Wachstum«, notierte sie 1957 – ein Satz, der ihr Werk zusammenhält.
Ob im Alltag der zweifachen Mutter oder auf ihren unzähligen Reisen – nach einem Studienaufenthalt 1951 mit großer Vorliebe immer wieder nach Paris, generell vom Bodensee bis an den Nil, von Venedig bis zur Schleimündung an der Ostsee, von Island bis Jugoslawien oder auch in die USA – schätzt sie den Augenblick und hält ihn fest. Jedes Sujet findet dabei den geeigneten Strich, das passende Valeur, die perfekte Technik.
Das Archiv – wie alles begann
2014: Der Berliner Kunsthistoriker Dr. Frederik Schikowski macht den Berliner Galeristen Volker Diehl auf das Œuvre von Hal Busse aufmerksam und vermittelt den Kontakt. In der Folge Bestandssichtung und Erstverzeichnung von Schikowski im Auftrag der Galerie Volker Diehl Berlin in Kooperation mit der Künstlerin Hal Busse und ihren Töchtern.
2019 initiierte Busses Tochter Johanna Bendixen die Bestandsverzeichnung und stellte einen Antrag bei der Stiftung Kunstfonds. Die Bewilligung der Förderung für die Werkverzeichnung durch die Stiftung war 2020 der Auftakt, sukzessive ein professionelles Archiv aufzubauen: In Zusammenarbeit mit der Kunstwissenschaftlerin Jana Noritsch und dem designbüro päpke wurde eine Datenbank konzipiert und mit der Werkverzeichnung begonnen. Nach Ende des Förderzeitraums wurde zusätzlich das Nachlassarchiv inventarisiert (noch nicht final abgeschlossen), um es wissenschaftlich aufzuarbeiten.
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